und so gingen sie

Vergangenes

Librisektion   AUSGABE NO. 8: MÄRCHEN

MORITZBASTEI, RATSTONNE

Neues zwischen Wissen, Wort und Wirrnis. Präsentiert von Christian von Aster, Boris Koch & Lisa Lavuca Godot.

Erinnern Sie sich womöglich noch? Daran, dass man Ihnen Märchen erzählte?
Früher, als Sie noch klein waren? Richtige Märchen, wie sie von Generation zu Generation weitergetragen wurden und zahllose Kinder den großen Wolf fürchten lehrten? Um solche Märchen geht es. Ihre Geschichte, ihre Bedeutung und was sie von den Kindergeschichten der Moderne unterscheidet. Die Moderatoren schöpfen dabei aus einem Fundus von 450 Märchenbüchern, die sie aus dem Nachlass eines Sammlers erwarben und deren Inhalt aus aller Herren Länder stammt.
Kunstmärchen, erotische Märchen, Märchen für Erwachsene und Kinder. Und statt eines Fachmanns einige kreative Geister, die ihre Lieblingsmärchen vortragen …

Intelligenzförderung in der Bastei

Christian von Aster und Boris Koch über Moral, Schauergeschichten und veraltete Geschlechterrollen

  • Leipziger Volkszeitung
  • 6 Sep 2018
  • VON LOTTA-CLARA LÖWENER

Christian von Aster (l.) und Boris Koch in der Moritzbastei.

Es war einmal am Rande der Leipziger Innenstadt die Moritzbastei. Sie sah die grausamsten Schlachten, beherbergte die schönsten Künste und stützte torkelnde Trunkenbolde in ihren kalten Mauern. Am Dienstag wurden ihre sonst so dunklen Gewölbe in warmes Licht getaucht und in die Ratstonne zur achten Ausgabe der Librisektion geladen.

Das Stimmengewirr hallt vom Backstein wider, als sich die aufgeregten Gäste gegenseitig begrüßen und auf den Abend freuen. „Ich sehe viele bekannte Gesichter, freue mich aber auch über die Neulinge”, begrüßt der Leipziger Autor Christian von Aster sein Publikum – und „Diese Lesebühne findet in eher unregelmäßigen Abständen statt und widmet sich stets einem anderen Thema. Normalerweise sitzt ein Fachmann zu diesem in unserer Mitte, doch heute wird es anders sein.” Neben Aster moderiert sein Kollege Boris Koch. Die Männer mit den Hörspielstimmen kennen sich bereits seit 18 Jahren – ein eingespieltes Team.

An diesem Abend sprechen sie über Märchen. „Jeder hat wohl seinen eigenen, persönlichen Zugang zu ihnen”, vermutet Aster. Genau der mache die fantastischen Erzählungen mit moralischer Pointe zu besonderen Erfahrungen. „Die neuen Generationen wachsen leider inzwischen fast ohne Märchen auf”, bedauert Aster. Sein neues Projekt „MÄRCHEN GESTALTEN LEBEN” soll dies ändern. Hier liest der Autor aus einer Sammlung von etwa 450 Büchern Märchen aus aller Welt.

Albert Einstein sagte einst: „Wenn du intelligente Kinder willst, lies ihnen Märchen vor. Wenn du noch intelligentere Kinder willst, dann lies ihnen noch mehr Märchen vor.” Ganz nach diesem Motto sprechen auch die vier Gäste über ihre persönliche Beziehung zu Märchen und lesen ausgewählte Stücke vor. Aster und Koch beginnen, indem sie die eigenen Werke vortragen. Der Fantasyautor Aster bewegt sich mit seiner Erzählung „Die drei Schellen” auf Heimatterrain, und Koch entblößt Grimms Fassung von „Hänsel und Gretel” auf ironisch trockene Art als logisch fehlschlüssig.

Als erster Gast setzt sich Autor Marco Kruppe zwischen die Moderatoren. Er hat sich von seinem Kollegen Ulf Torreck extra für diesen Anlass ein ganz neues Märchen schreiben lassen. Die düstere Geschichte „Almügdalla” scheint zunächst vorhersehbar und schockiert schließlich dennoch die lauschenden Reihen. Auf Kruppe folgt die einzige Frau der Runde, Jerry J. Smith. Bevor sie ihre Passage aus Momo vorträgt, erinnert sie das Publikum daran, dass die alten Volksmärchen gerne auch kritisch rezipiert werden dürfen. „Ich habe eine neunjährige Tochter, der ich schon erklärt habe, dass man vielleicht nicht den Erstbesten heiraten muss, der sich übers Bett lehnt, während man schläft.” Auch der Beitrag von Radiomoderator Maximilian Reeg bewegt sich auf einem Drahtseil der Verfänglichkeiten. Sein chinesisches Märchen spielt derart zugespitzt mit Vorurteilen, dass der Zuhörer sich dabei ertappt, über sonstige Tabus zu lachen.

Zum Schluss bittet Aster seinen Kollegen Sven Hauser auf die Bühne, mit dem er sein Märchenprojekt umsetzt. Hauser liest Grimms „Der verzauberte See” und zeigt, dass nicht alle Geschichten in einer Moral enden müssen. Reeg betont jedoch: „Menschen verstehen moralische Konsequenzen leichter, wenn sie in Geschichten erzählt werden.” Und wenn die Protagonisten dieses Abends nicht gestorben sind … naja, Sie wissen schon.